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Immaterielle Vermögenswerte richtig schützen

Immaterielle Vermögenswerte machen einen immer größeren Anteil am Wert eines Unternehmens aus. Gleichzeitig sind Lieferketten komplexer als je zuvor. Unternehmen sind daher auf neue Weise anfällig für Betriebsunterbrechungen, die unabhängig von Sachschäden passieren können. Bijan Daftari, Country Head Germany & Austria bei Swiss Re Corporate Solutions, erläutert, was Risikomanager zum Schutz ihrer Unternehmen tun können.

Das Risiko nicht-physischer Schäden klettert auf der Agenda von Risikomanagern weiter nach oben – vor allem in Zeiten, in denen die COVID-19 Pandemie oder das Flugverbot für die Boeing 737 Max weiterhin in den Schlagzeilen stehen.

Solche Betriebsunterbrechungen, denen kein physischer Schaden zugrunde liegt und die aus diesem Grund sachschadenunabhängige Betriebsunterbrechungen genannt werden (Non-Damage Business Interruption, kurz NDBI), rücken immer öfter in den Mittelpunkt des Interesses – auch weil Vermögensgegenstände, die nicht greifbar sind, einen zunehmenden Anteil am Wert eines Unternehmens ausmachen.

Noch vor 20 bis 30 Jahren bestand die Aktivseite der Bilanz eines Unternehmens zum Großteil aus seinen physischen Vermögenswerten – zum Beispiel Immobilien, Anlagen und Maschinen. Dies waren die Vermögenswerte, die in Risikobetrachtungen an erster Stelle standen. Doch in der digitalisierten Welt machen zunehmend das geistige Eigentum oder die Reputation – also nicht-physische Werte – den Unternehmenswert aus.

Gleichzeitig haben Unternehmen verzweigtere Lieferketten als je zuvor, was sie auf neue und komplexere Weise für Unterbrechungen anfällig macht, die nicht auf einem physischen Schaden beruhen. Laut der sigma Studie "De-risking global supply chains: rebalancing to strengthen resilience" des Swiss Re Institute, sind in den 20 größten Volkswirtschaften der Welt 40 bis 80 Prozent der Exporte in die globalen Lieferketten integriert.

Anfälligkeit der Weltwirtschaft für Unterbrechungen der Lieferkette

Gründe für NDBI sind komplex und vielfältig

Zu den Arten von NDBI-Risiken, mit denen Unternehmen zu kämpfen haben, gehören Streiks, zivile Unruhen oder Naturkatastrophen wie Erdbeben, Überschwemmung oder Vulkanausbrüche. Auch systemische Risiken wie Pandemien oder Wirtschaftsabschwünge gehören dazu. Die Beispiele zeigen das breite Spektrum von Ereignissen, die zu erheblichen Verzögerungen oder Unterbrechungen beim Erhalt von Produkten oder Dienstleistungen führen können. Während Risikomanager für viele der genannten Risiken Versicherungsschutz finden, sind es vor allem die systemischen Risiken, die nur sehr schwer oder nicht versicherbar sind. Hier greift das Grundprinzip von Versicherungen nicht, da kein Ausgleich im Kollektiv stattfinden kann. Viele Versicherer plädieren bei dem Schutz vor systemischen Risiken daher für sogenannte Public-Private-Partnerships, mit der Kooperationen zwischen Regierungen und der Versicherungsbranche gemeint sind.

In Deutschland hat ein Beispiel in den letzten Jahren gezeigt, welche Auswirkungen sachschadenunabhängige Betriebsunterbrechungen haben können: Der niedrige Wasserstand des Rheins im Jahr 2018.
Bijan Daftari, Head Germany & Austria, Swiss Re

Der Fluss ist eine der wichtigsten Schifffahrtsrouten Europas und verbindet viele Industriegebiete des Kontinents, zu denen jährlich hunderte Millionen Frachttransporte erfolgen.

Eine Hitzewelle in ganz Europa hatte 2018 dazu geführt, dass die Wasserstände des Rheins soweit abgesunken waren, dass er für den Schifftransport unpassierbar wurde. Die starke Beeinträchtigung der von der Rheinschifffahrt abhängigen Lieferketten führte zu kostspieligen Betriebsunterbrechungen und brachte Produktionen sogar ganz zum Stillstand. Ein globales Chemieunternehmen erlitt durch den niedrigen Wasserstand Verluste von 250 Millionen Euro.

Wie sich Unternehmen schützen können

Da große Summen auf dem Spiel stehen, halten viele Branchen – insbesondere Transport- und Produktionsunternehmen in Deutschland – aktiv nach Möglichkeiten zum Risikotransfer Ausschau. Parametrische Versicherungen sind dabei eine Option für Risikomanager, sich gegen nicht-schadensbedingte Betriebsunterbrechungen abzusichern. Doch wie funktionieren parametrische Versicherungen genau?

Beim oben genannten Beispiel machen Technologie und Daten einen erheblichen Teil der parametrischen Lösung aus. Am Rhein entlang angebrachte Messstationen liefern klare und gleichzeitig unabhängige Angaben zum Wasserstand. Zusammen mit den historischen Daten dieser Messstationen kann ein auf jedes Unternehmen zugeschnittener Index definiert werden. Dieser Index erfasst auch, wie stark die Unternehmensumsätze und -kosten dem Wasserstand ausgesetzt sind. Eine Auszahlung erfolgt in festgelegten Beträgen, zum Beispiel jeden Tag, an dem der Index unter – oder über – einem definierten Schwellenwert liegt.

Die Vorteile parametrischer Versicherungen lassen sich so zusammenfassen: Sie sind eine vereinfachte und transparentere Version traditioneller Versicherungen.
Bijan Daftari, Head Germany & Austria, Swiss Re

Feste Zahlungen erfolgen, wenn die gemessenen Daten (zum Beispiel Wasserstände) kritische Schwellenwerte erreichen oder überschreiten. Ein weiterer Vorteil sind die schnellen Auszahlungen der Ansprüche. Unter einer traditionellen Versicherungspolice dauert es oftmals länger, bis Ansprüche reguliert werden, da die Verluste untersucht und bestätigt werden müssen. Eine parametrische Versicherung verringert die Schritte bis zur Schadenzahlung. Es müssen keine Besuche vor Ort, forensischen Untersuchungen und Schadensregulierungen mehr durchgeführt werden, bevor ein Anspruch ausbezahlt wird. Wenn der Versicherungstrigger ausgelöst wird, erfolgt die Zahlung ohne Verzögerung innerhalb weniger Tage.

Und letztlich bieten parametrische Versicherungen eine Sicherheit der Entschädigung, da die Höhe der Zahlungen vorab vereinbart wird.

Kommunikation ist der Schlüssel

Parametrische Versicherungen und auch andere Instrumente des Risikotransfers bei nicht-sachschadensbedingten Betriebsunterbrechungen sind sehr individuelle Lösungen, die oft passgenau auf die Bedürfnisse des jeweiligen Unternehmens zugeschnitten sind. Eine unbeabsichtigte Folge davon ist, dass Risikomanager oft keine Risikolösung "von der Stange" finden, die ihren Bedürfnissen entspricht.

Die passende Versicherungsdeckung auszumachen bedarf also eines engen Austauschs zwischen Risikomanagern und Versicherern. Je mehr die Ausgangslage und das Risiko von beiden Seiten verstanden wird, desto besser können Versicherer bei der Suche nach der richtigen Lösung für nicht-schadensbedingte Betriebsunterbrechungen unterstützen.

Dieser Artikel erschien in VersicherungsPraxis 11/2020.

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